Vor den Vorhang: Geolina163

Steckbrief

Barbara Oppelt für Wikimedia Österreich, CC0 1.0

Benutzername:
Geolina163

Anmeldedatum bei Wikipedia:
30. April 2005

Vor allem aktiv auf:
de.wikipedia & Commons

Interview

Wie bist du dazu gekommen bei der Wikipedia mitzumachen?

Ich habe viel in der Wikipedia aus purer Neugier gelesen und mich erst einmal angemeldet. Ich bin mit dem klassischen Meyers Neuem Lexikon aufgewachsen und hatte anfänglich großen Respekt davor, in einer Enzyklopädie einfach selbst etwas zu ändern. Also habe ich erst einmal nichts geändert, sondern Belege ergänzt. Das diese Änderungen nach dem Speichern sofort sichtbar waren, fand ich faszinierend. Wirklich abschreckend für eine intensivere Mitarbeit war für mich damals die Bearbeitung des Quelltextes. Das Formatieren hat mich mehr Zeit gekostet als das eigentliche Schreiben. Deshalb bin ich dankbar, dass es heute den Visual Editor gibt. Nach kleinen „Versuchsartikeln“ habe ich mich gleich an einen superlangen Artikel über die Aachener Thermalquellen (75k!) gewagt, mit Tabellen und Bildergalerien. Ich habe fast ein halbes Jahr offline an dem Artikel gearbeitet. Und ich habe mir einen Mentor genommen, der mir über die ersten Hürden geholfen … und gleich eine Lesenswert-Kandidatur gestartet hat. Allerdings haben mich die Kommentare während der Kandidatur erst einmal wieder abgehalten, weiter zu schreiben. Dann wurde ein Foto von mir bei WikiLovesMonuments ausgezeichnet, das hat mich irgendwie endgültig motiviert mich in dem Projekt zu engagieren.

Du bist in der Wikipedia unter anderem im Bereich kulturelles Erbe aktiv. Kannst du uns etwas dazu erzählen?

Kunstgewerbe und Handwerk haben mich schon immer begeistert. Ich finde es unglaublich, was Menschen in vergangenen Jahrhunderten ohne moderne technische Hilfsmittel geschaffen haben, wenn man sich beispielweise Gebäude und Inneneinrichtungen des Jugendstils oder Art Déco anschaut.

In Deutschland gab es in den 1990-und 2000er Jahren eine Fernsehserie Der Letzte seines Standes?, in der Handwerksberufe vorgestellt wurden, die heute nicht mehr oder nur noch sehr vereinzelt ausgeführt werden. Diese Handwerksberufe, die Werkstätten, Erzeugnisse und Werkzeuge für die Wikipedia und damit für die Nachwelt zu dokumentieren, halte ich persönlich für wichtige Aufgabe zur Bewahrung des kulturellen Erbes. Etliche dieser häufig für bestimmte Regionen oder Kulturkreise typischen Produkte oder Handwerksberufe hat die UNESCO mit dem Label „Immaterielles Kulturerbe“ ausgezeichnet. In dem Wiki-Projekt Traditionelles Handwerk wollen wir dieses dokumentieren: durch Artikel, Fotografien und Videosequenzen. Begonnen haben wir 2019 mit der Dokumentation der Taschenfeitel-Herstellung in Trattenbach, 2020 sollte der Blaudruck in Österreich und Deutschland folgen. Diese Projekte mussten wir aufgrund der Pandemie verschieben, wollen sie aber so schnell es uns möglich ist, nachholen.

Hat sich deine Mitarbeit im Lauf der Zeit verändert? Und kannst du dich an ein prägendes Wikipedia-Erlebnis erinnern?

Auf jeden Fall, weg von der reinen Artikelarbeit. Heute entwickle ich gerne Projektkonzepte und helfe bei der Organisation von Wikipedia-Veranstaltungen. Ich sehe es auch als meine Aufgabe an, als eine Art Botschafterin den Kulturorganisationen die Idee, die hinter den Wiki-Projekten steht, zu vermitteln und mich um nachhaltige Kooperationen zu den Kultur- und Gedächtnisorganisationen zu bemühen. Die für mich prägendste und schönste Wikipedia-Veranstaltung war die GLAMonTour in der Porzellanmanufaktur Fürstenberg. Hier wurde uns neben Handwerk, Tradition und Design auch der aktuelle Forschungsstand kompakt und spannend dargeboten.

Für wie wichtig hältst du den Austausch mit anderen Wikipedianerinnen und Wikipedianern, sei es online oder offline?

Auch wenn man ja eigentlich die meiste Zeit allein am Laptop sitzt, um Artikel zu schreiben oder Fotos zu bearbeiten, ist der Austausch untereinander für mich ganz wichtig. Nicht nur, um Meinungsverschiedenheiten zu klären, sondern vor allem um gemeinsam neue Ideen und Projekte zu entwickeln. Die alljährlichen Treffen der deutschsprachigen Community – die WikiCon – sind für mich ganz wichtig, um andere Wikipedianer/innen kennenzulernen und mich selber besser zu vernetzen. Ich arbeite wahnsinnig gerne gemeinsam mit anderen in den verschiedensten Projekten zusammen. Für diese gemeinsamen Aktivitäten sind nicht nur Wiki-Formate wie GLAM-Veranstaltungen, Stammtische und Workshops enorm hilfreich, sondern auch die lokalen Wikipedia-Stützpunkte. Im LokalK werden beispielsweise nicht nur gemeinsame Aktionen und Projekte geplant, sondern hier haben sich auch viele Freundschaften entwickelt. Und nicht zu unterschätzen: Die persönlichen Kontakte können einen schon mal aus einem Motivationstief heraushelfen.

Damit du dich noch in 20 Jahren engagierst, müsste sich etwas in der Wikipedia ändern – oder eben nicht?

Ich hoffe, dass in 20 Jahren immer noch ehrenamtliche (!) Autoren/innen mit ihrer Begeisterung für die Idee, eine freie Enzyklopädie aufzubauen und zu pflegen, die Hauptakteure im Projekt sind. Ich wünsche mir für die Zukunft mehr Anerkennung und Wertschätzung für dieses digitale Ehrenamt – sowohl im Projekt selbst, als auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung.


Wer sind die Menschen, die ehrenamtlich zur Wikipedia beitragen? Anlässlich des 20. Wikipedia-Geburtstags holen wir engagierte Wikipedianerinnen und Wikipedianer in einer Interview-Serie vor den Vorhang.

Alle Beiträge gibt es hier zum Nachlesen.